Montag, 14. Mai 2012

Ein Fest fürs innere Kind

Winter Bears, 1988, Gefasstes Holz, 121,9 x 111,8 x 39,4 cm, The Rachel and JeanPierre Lehmann Collection © Jeff Koons
Riehen.- Der Fondation Beyeler in Riehen ist ein Coup gelungen. Sie zeigt die erste Ausstellung des amerikanischen Künstlers Jeff Koons (*1955) in einem Schweizer Museum. Der wohl bekannteste lebende Künstler sorgt mit seinen unverkennbaren, die Populär und Hochkultur verbindenden Kunstwerken seit Jahrzehnten für grosses Aufsehen.

Jeff Koons ist einer der bekanntesten Künstler der Gegenwart, der seit den 1980erJahren mit seiner Kunst immer wieder für Furore gesorgt hat. Besonders berühmt wurde er mit jenen Werken, welche die gängigen Vorstellungen von Kunst und Kitsch infrage stellen. Von Anfang an arbeitete Koons in chronologisch aufeinanderfolgenden Werkgruppen, von denen jede einen eigenen Titel trägt. Zusammengenommen entwerfen diese Serientitel ein Panorama seines künstlerischen Konzepts.

Die Ausstellung widmet sich in einer umfangreichen Präsentation mit rund 50 Werken drei zentralen Werkgruppen, die entscheidende Etappen der künstlerischen Entwicklung von Jeff Koons aufzeigen und den ungewöhnlichen, Populär- und Hochkultur verbindenden Weg verfolgen, den das Objekt in seinem Schaffen gegangen ist und weiter geht.

Bei den drei gemeinsam mit dem Künstler für die Ausstellung ausgewählten Serien handelt es sich um The New (entstanden zwischen 1980 und 1987), Banality (1988) und Celebration (ab 1994). Mit The New, der frühen Werkgruppe des jungen Künstlers, und Celebration, unter deren Namen bis heute neue Arbeiten entstehen, spannt die Ausstellung einen weiten Bogen. Dazwischen positioniert sich Banality, jene folgenreiche Gruppe von Werken, die Manifestcharakter hat und gleichzeitig für das künstlerische Selbstverständnis von Koons entscheidend war. Gemeinsam führen die drei Serien ins Zentrum des Schaffens und Denkens von Jeff Koons. Sie machen auch den inneren Zusammenhalt des Gesamtwerks deutlich, der mit der Systematisierung in Werkgruppen mit je eigenen Titeln leicht in den Hintergrund gerät.

In der Werkgruppe The New, die für Jeff Koons’ Schaffen wegweisend wurde, konzentrierte er sich explizit auf fabrikneue, ungebrauchte Staubsauger und Teppichshampoonierer des Fabrikats Hoover, die, auf Leuchtstoffröhren liegend oder stehend, von kubischen Plexiglasvitrinen umschlossen werden. Die Gegenstände sollen auf diese Weise unberührt und unversehrt bleiben und ihre verführerischkostbare Dimension gesteigert werden. Sie verkörpern so das ideale Neue. Leitthemen der Werkgruppe The New sind somit Integrität, Unschuld und Reinheit – Werte, die für Koons’ Schaffen allgemein massgeblich sind. In der strengen Anordnung, aber auch im Rückgriff auf die Neonröhren verweisen die Objekte nicht zuletzt auf die Minimal Art.

Koons ist aber auch einer jener Künstler, welche die von Duchamp mit der Erfindung des Readymade zu Anfang des 20. Jahrhunderts lancierte Objektdiskussion aufgegriffen und auf eigenwillige und brillante Weise vorangetrieben haben – und er ist darin ein Meister. Die Ausstellung präsentiert aus der Serie The New dreizehn Arbeiten, unter anderem eine mit den originalen Objekten rekonstruierte Schaufensterinstallation mit Staubsaugerarbeiten, die 1980 in The New Museum of Contemporary Art in New York zu sehen war. Die Zelebrierung des Neuen erfährt innerhalb der Serie The New nicht nur in den Staubsaugerarbeiten ihren Ausdruck, sondern auch im programmatischen The New Jeff Koons (1980), bestehend aus einem Leuchtkasten mit einer SchwarzWeissFotografie, die den Künstler als Kind zeigt. In dieser Arbeit manifestiert sich bereits das künstlerische Selbstbewusstsein des jungen Koons.

Die von Koons für seine Lithografien verwendeten Werbeplakate manifestieren sein besonderes Interesse für kommerzielle Bilder oder Bildstrategien. Sie bringen dem Betrachter in Kombination mit den Vitrinenobjekten den Grundgehalt der Serie auf unmittelbare Weise nahe und veranschaulichen Koons’ Faszination für das manipulative Potenzial von Bildern und deren Zurschaustellung sowie sein Anliegen, ein Kunstwerk für den Betrachter so zugänglich wie möglich zu machen. Als Bild auf Leinwand erweist sich die Lithografie New! New Too! (1983) auch als frühes Zeugnis für Koons’ Beschäftigung mit der monumentalen Malerei, die erst Jahre später in der Werkgruppe Celebration zur Umsetzung gelangt. Die Readymadeartigen Objekte aus Alltagsgegenständen von The New wandeln sich in der Werkgruppe Banality zu wundersamprovokativen, in traditionellem Handwerk gefertigten Skulpturen aus Holz, Porzellan und Spiegelglas, deren Motive gleichwertig der Kunstgeschichte und der Populärkultur entnommen und zu neuartigen Figuren mit einer am Barock orientierten Ästhetik collagiert werden. Mit der viel beachteten BanalitySerie stellte Koons nicht nur den Kunstbegriff auf neue Grundlagen, sondern avancierte endgültig zum Star der internationalen Kunstszene.

Die Ausstellung zeigt mit 16 Plastiken und Reliefs beinahe vollständig die aus insgesamt zwanzig skulpturalen Figuren bestehende Serie. Die Motive aus Banality entstammen einem breit gefächerten Bilderfundus aus der Kunst der Renaissance und des Barocks, aus populären Zeitschriftensujets, der Spielzeugwelt und Postkarten. Das Ausgangsmotiv wird modifiziert, sodass die Figuren einen massstäblichen, medialen oder materiellen Verwandlungsprozess durchlaufen, durch den sie sich neuen Interpretationen öffnen.

Der Leitgedanke der Werkgruppe Banality ist die über das vermeintlich Banale vermittelte Selbstakzeptanz des Betrachters. Richtunggebend dafür ist die polychrome quasireligiöse Holzskulptur Ushering in Banality (1988), die gleichsam das Banale als künstlerisches Grundideal von Koons manifestiert.

Ein weiteres Thema der BanalitySerie bildet die Komplizenschaft zwischen Mensch und Tier, die viele Werke der Serie kennzeichnet, etwa Stacked. Als Gruppe fügen sich die BanalityFiguren zu einem Gesamtbild zusammen, in dem Koons’ künstlerisches Anliegen in Form eines regelrechten Erlösungsprogramms illustriert wird und sein Anspruch einer für alle zugänglichen, verständlichen und erbauenden Kunst in der Gegenwart zum Ausdruck kommt. Sein inhaltliches Konzept ist aber weniger religiös denn allgemein auf existenzielle Fragen zum Dasein des Menschen ausgerichtet. Das gesamte Bildprogramm von Banality gründet auf den Begriffen von Schuld und Unschuld und zielt über ästhetische Mittel auf Sündenvergebung und die Auflösung des Schuldbegriffs überhaupt. Dies zeigt in der Serie der häufige Rekurs auf Heilige oder mit dem Sakralen verbundene Gestalten: etwa bei der aus gefasstem Holz bestehenden Skulptur Buster Keaton. Die imposante Porzellanplastik Michael Jackson and Bubbles, die Koons als zeitgenössische Pietà bezeichnet, ist heute zur postmodernen Ikone geworden. Die Plastik veranschaulicht Koons’ Ideal einer alle Gegensätze vereinenden Kunst, mit der er das grösstmögliche Publikum zu erreichen sucht. Koons’ Interesse an Materialien und Oberflächen erreicht in Banality eine besonders symptomatische Dimension.

Der ästhetische Effekt des Materials steht immer unmittelbar mit dessen emotionaler Wirkung in Beziehung. Der Künstler appelliert mittels des Materials, sei es Porzellan, Holz oder Chromstahl, an die Affekte des Betrachters und versucht, dessen Begehren zu entsprechen. Mit dem Einsatz von Spiegelglas für die Werke Christ and the Lamb und Wishing Well greift er schliesslich auf ein Material zurück, das – wie zuvor schon der Chromstahl – in seiner reflektierenden Qualität den Betrachter unmittelbar in das Werk einzubinden vermag und insofern Koons’ Grundkonzept einer zugänglichen Kunst auf besondere Weise konkretisiert.

Die Werkgruppe Celebration stellt bis heute Koons’ wohl aufwendigste Serie dar, die auf zwanzig monumentale Plastiken aus perfekt gearbeitetem Edelstahl sowie sechzehn grossformatige Ölgemälde angelegt ist. In der Ausstellung werden zehn Gemälde gezeigt. In den Gemälden und Skulpturen von Celebration behandelt Koons Vertrautes und Vergängliches, feiert das Kind und die Kindheit, mit Motiven, die an Kindergeburtstage und Feiertagsbräuche erinnern, die in ihren monumentalen skulpturalen Formen aber gleichzeitig zu ikonenhaften Figuren stilisiert sind. Stilistisch erscheint Celebration wie eine Art Synthese aus der minimalistischen Ästhetik von The New und der barocken Opulenz von Banality und knüpft in der Auseinandersetzung mit der Kindheit an Koons’ frühere Werkreihen an. Attribute von Kindergeburtstagen erscheinen in den Gemälden Party Hat (1995–1997) und Cake (1995–1997), in den Ballonfiguren Balloon Dog (Red) (1994–2000), Tulips (1995–98) und Moon (Light Pink), (1995–2000). Geschenk oder Spielzeugartikel bilden das Motiv in dem meisterhaften Gemälde PlayDoh (1995–2007) wie auch in Shelter (1996–98). Von besonderer Anziehungskraft ist die monumentale Plastik Hanging Heart (Gold/Magenta) (1994–2006) aus hochlegiertem rostfreiem Chromstahl. In Celebration spielen mit Cracked Egg (Blue), (1994–2006), das auf das Osterfest hinweist, ebenfalls religiöse Motive eine Rolle. Die scheinbar fragilen CelebrationFiguren wirken geschmeidig und schwerelos, während sie in Wirklichkeit stabil, hart und tonnenschwer sind.

In Celebration entwickelt Koons nicht nur seine skulpturale Bildsprache weiter, sondern vollzieht darin den eigentlichen Schritt hin zur Malerei, die erstmals in seinem Werk ebenbürtig neben die Bildhauerei tritt. Für die CelebrationGemälde geht der Künstler von selbst zusammengestellten realen Objektarrangements aus, die, abfotografiert und nach einem komplexen Schematisierungsverfahren überarbeitet, um ein Vielfaches vergrössert akkurat auf die Leinwand übertragen werden. Das zentrale Bildsujet wird vor einer drapierten Glanzfolie inszeniert, in der sich einzelne Partien des Objekts, meist verzerrt, unzählige Male spiegeln. In ihrer ästhetischen Erscheinung, die nicht zuletzt auf die Pop Art zurückgeht, bestechen die Gemälde durch eine »objektive«, geradezu hyperrealistische Wirkung. In Celebration drückt sich die mediale Austauschbarkeit des Objekts, die für Koons’ Arbeit charakteristisch ist, ebenso auf besonders spektakuläre Weise aus wie deren kunsthistorisch singuläre Wechselwirkung zwischen Malerei und Bildhauerei. Das Zusammenspiel der Gattungen – Objektkunst, Bildhauerei und Malerei – bildet sich in Celebration erstmals im Schaffen von Koons vollständig aus.

Im Berower Park der Fondation Beyeler werden zwei Skulpturen zu sehen sein: Im Nordpark des Museums wird Balloon Flower (Blue) (1995–2000) im Teich installiert. Und im vorderen Teil des Parks wird die kolossale Blumenskulptur SplitRocker (2000) präsentiert. Siehe die separate Medienmitteilung.

Folgende Leihgeber haben wesentlich zum Gelingen der Ausstellung beigetragen: Jeff Koons, The Brant Foundation, Greenwich, Connecticut; The Broad Art Foundation, Santa Monica; Des Moines Art Center; Kunstmuseum Wolfsburg; The Rachel and JeanPierre Lehmann Collection; Prada Collection, Mailand; Rubell Family Collection, Miami; The Sonnabend Collection; Tate / National Galleries of Scotland; Whitney Museum of American Art, New York.

Die Ausstellung wird kuratiert von Sam Keller, Direktor, und Theodora Vischer, Senior Curator at Large der Fondation Beyeler.

Der Katalog erscheint in Deutsch und Englisch im Hatje Cantz Verlag, Ostfildern. Er enthält ein Vorwort von Sam Keller und Theodora Vischer, ein Gespräch mit dem Künstler und Theodora Vischer sowie Essays von Raphaël Bouvier und Günther Vogt. 212 Seiten und 154 Abbildungen, CHF 68, ISBN 9783906053004 (Deutsch); ISBN 9783906053011 (Englisch).

Öffnungszeiten: Täglich 10  18 Uhr, mittwochs 10  20 Uhr. Das Museum ist an allen Sonn und Feiertagen geöffnet.


Jeff Koons
13. Mai–2. September 2012

FONDATION BEYELER
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CH4125 Riehen / Basel
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