Freitag, 18. Juni 2010

Wald querbeet

Can of Worms, 2000. Aufgezogenes, chromogenes Diapositiv, in einem Leuchtkasten aus Aluminium mit einer Einfassung aus Walnussholz sowie seidenumflochtenem Elektrokabel. Courtesy of Galerie Micheline Szwajcer, Antwerpen

Basel.- Die Ausstellung des kanadischen Künstlers Rodney Graham «Through the Forest» im Kunstmuseum Basel gibt bis 26. September Einblick in die Entwicklung seines umfassenden Werkkomplexes. Die Wurzeln von Grahams Arbeitsweise, die beeinflusst ist von der Konzeptkunst der 1970er Jahre, und seine Art des Denkens begründen sich in der Adaption von literarischen Modellen. Er wurde 1949 in Abbotsford, einer kleinen Stadt in British Columbia, Kanada, geboren, und zog mit seiner Familie 1964 nach Vancouver. Er studierte Kunstgeschichte und Anthropologie, sowie englische und französische Literatur an der Universität von British Columbia.

Seine erste große fotografische Arbeit, «75 Polaroids», schuf Graham 1976. Die Serie von Schnappschüssen wurde nachts während eines Spaziergangs in den Wäldern rund um Vancouver aufgenommen und in der Pender Gallery in Vancouver ausgestellt; dies war zugleich Grahams erste Einzelausstellung und markiert den Beginn seiner Kariere als Künstler. «75 Polaroids» enthält Elemente, die essentiell für seine späteren Arbeiten sind, in denen sich seine Faszination für fotografische Prozesse zeigen, die Objekte reiner Repräsentation in autonome Bilder übertragen, genauso wie die Idee, verschiedene Orte nachts mit einem Blitzlicht zu erleuchten. Im Anschluss an diese Arbeit experimentierte Graham mit einer Camera Obscura, die er selbst anfertigte und dazu benutzte, archäologische Fundorte während seines Aufenthaltes in der American Academy in Rome zu fotografieren. Diese Reihe von Arbeiten kulminierte in der Serie Rome Ruins (1978).

1984 wurde die bahnbrechende Außeninstallation mit dem Titel Two Generators in Vancouver ausgestellt. Mit zwei Dieselgeneratoren stellte Graham elektrisches Licht her, das ihm dazu diente, einen Fluss in der Nähe des Universitätsgeländes zu erleuchten. Zwei Jahre später stieß er auf eine englische Übersetzung der Novelle Lenz von Georg Büchner, dem deutschen Schriftsteller der Romantik. In dieser Übersetzung fand Graham eine Besonderheit im Layout: Die Worte «Through the forest» tauchen zweimal auf an Stellen, wo die Geschichte von einer Seite auf die nächste übergeht. Aufgrund dieser Wiederholung verstand Graham den Text als einen Loop - ein Begriff aus der Filmtechnologie, der später zum Schlüsselelement für seine Arbeiten werden sollte. Er konstruierte eine Lesemaschine, um das Experiment anschaulich zu machen. Die ersten fünf Seiten, auf denen er das Phänomen im Layout des Textes entdeckte, sind so arrangiert, dass der Effekt des Umblätterns greifbar wird.

Später fertigte Graham weitere Apparate an, so beispielsweise für die Arbeit Parsifal (1990–2009). Hier wird der Betrachter auf die unendliche Schleife einer musikalischen Sequenz aufmerksam gemacht, die in Wagners Oper eingebaut wurde. Er entwarf auch Objekte, die als Display für Bücher dienen, die er in Antiquariaten fand. Von hier aus war es für Graham nur noch ein kleiner Schritt, Buchhüllen zu entwerfen, die vom Minimalismus beeinflusst waren, insbesondere von den Arbeiten Donald Judds. Ein frühes Beispiel dieser Art von Arbeiten ist ein Objekt, Standard Edition (1988), das als Bücherregal für die gesammelten Werke Sigmund Freuds umfunktioniert wurde.

Ein wesentlicher Teil der Ausstellung ist den frühen Arbeiten gewidmet und der Entwicklung seines Werkes. Aus diesem Grund wurde Yves Gevaert - ein belgischer Verleger, mit dem Rodney Graham viele seiner frühen Bücher publizierte - dazu eingeladen, erstmalig Einsicht in seine umfassende Materialsammlung an Büchern, Schriften, Fotografien und Entwurfzeichnungen zu geben, die es dem Besucher erlauben, Verbindungen zu Grahams Arbeitsmethode herzustellen. Eine Ansammlung von weiteren Materialien wurde außerdem hinzugenommen, die wesentlich zum Verständnis von Rodney Grahams Denkweise beitragen. Die Buchbindungen- und einbände, die Graham selber entwarf, sind beispielsweise Vorläufer der Judd-artigen Objekte.

1997 wurde Rodney Graham eingeladen, den kanadischen Pavillon auf der Venedig Biennale zu repräsentieren. Zu dieser Gelegenheit schuf Graham den einflussreichen Film, Vexation Island - ein aufwendiger Kostümfilm in der Machart von Hollywoodfilmen über Robinson Crusoe, der auf einer Insel gestrandet ist. Der Film, in dem Graham die Hauptrolle spielt, verschaffte ihm sofortigen Ruhm in der Kunstwelt.

Die Ausstellung befasst sich jedoch vielmehr mit seinen späteren Filmen, die – auf formaler Ebene – die Tradition von konzeptuellen Textarbeiten und Phänomenen optischer Erscheinungen des Lichts in Hinsicht auf Thema und Motiv weiterführen. Für den Film «Coruscating Cinnamon Granules» (1996) streute Graham Zimt auf eine Kochplatte in seiner Küche und filmte dann die glühenden Körnchen. Der Theaterraum, in welchem der Film gezeigt wird, hat die gleichen Ausmaße wie die Küche, in der er den Film drehte. «Rheinmetall/Victoria 8» (2003) ist ein «Dokumentarfilm», für den Graham eine fast ungebrauchte deutsche Schreibmaschine aus den 1930er Jahren in einem Secondhand-Laden in Vancouver kaufte. Zunächst dokumentierte er das Objekt fotografisch im Stil der Neuen Sachlichkeit. Dann bestäubte er es mit Mehl und schuf damit ein scharfes Sinnbild für das Totschweigen von Geschichte. «Torqued Chandelier Release» (2005) steht wiederum in Beziehung zum Lichtphänomen, das in «Coruscating Cinnamon Granules» untersucht wurde, da beide mit Bildern arbeiten, die Lichteffekte einsetzen und in dieser Hinsicht auf Fotografie auf jeweils andere Weise Bezug nehmen.

Ein weiterer Teil der Ausstellung beschäftigt sich mit der Rolle des Künstlers. In der Videoarbeit «Lobbing Potatoes at a Gong, 1969» (2006) stellt Graham eine Szene nach, die auf eine Anekdote eines Pink-Floyd-Konzerts zurück geht, bei dem ein Musiker Kartoffeln auf einen Gong warf. Ein Destilliergerät, mit dem Graham aus den Kartoffeln, die den Gong getroffen haben, Wodka machen ließ und der Wodka selbst sind Teil der Installation.

Rodney Graham interessiert sich für diese Art von «Übersetzungsprozessen»: Dinge, die der Literatur entstammen, werden zu physischen Objekten, sobald sie in ein neues Medium übertragen werden. «My Only Novel Translated from the French (After William Beckford, Mark Twain)» (2000), in der die französische Übersetzung eines englischen Textes wieder zurück ins Englische übersetzt wird, ist ein direktes Beispiel dafür. Die Rolle des Künstlers wird auch zum Thema bei dem Triptychon «The Gifted Amateur, Nov. 10th, 1962» (2007). In dieser Arbeit ist Graham ein schlafwandelnder Amateurmaler, der den Versuch unternimmt, ein großformatiges abstraktes Gemälde zu reproduzieren. Die Szene der Leuchtkastenarbeit erscheint wie ein Filmstill und spielt mit dem kunsthistorischen Diskurs der Moderne, in der verschiedene Richtungen repräsentiert werden.

Schließlich präsentiert sich Rodney Graham als ein Maler, der sich, im Gegensatz zu «The Gifted Amateur», der Stilrichtung der sogenannten École de Paris zuwendet, um abstrakte Gemälde im Stil dieser Periode zu produzieren. Die Ausstellung «Through the Forest» zeigt einen langen Weg auf, der bei der Adaption von literarischen Modellen und der Aneignung von entscheidenden Momenten der Kunstgeschichte beginnt, über beeindruckende Filmarbeiten führt und letztendlich beim klassischsten aller Medien endet, der Malerei.

Publikation: Rodney Graham. Through the Forest. Barcelona: Museu d’Art Contemporani de Barcelona; Basel: Kunstmuseum Basel, Museum für Gegenwartskunst; Hamburg: Hamburger Kunsthalle; Ostfildern: Hatje Cantz Verlag, 2010. Mit Texten von Julian Heynen, Christa-Maria Lerm Hayes, Friedrich Meschede, einem Interview mit dem Künstler von Nikola Dietrich und einer Biographie von Grant Arnold.

Öffnungszeiten: Di bis So 10 - 17 Uhr

Rodney Graham - Through the Forest
13. Juni bis 26. September 2010
Kunstmuseum Basel
St. Alban-Graben 16
CH - 4010 Basel
0041 (0)61 20662-62
http://www.kunstmuseumbasel.ch

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