Montag, 21. Mai 2012

Wanderer und Wegbereiter

 Anton Graff: Adrian Zingg, 1796/99. Öl auf Leinwand, 160 × 98 cm; Kunstmuseum St. Gallen

Zürich.- Erst mit dem Aufkommen eines modernen Gefühls für die heimische Gegend, das sowohl topografische wie auch wahrnehmungspsychologische, kunsttheoretische, naturwissenschaftliche, soziokulturelle, ökonomische und technische Aspekte berücksichtigt, konnte die Gattung der Landschaft ihren Siegeszug im 19. Jahrhundert antreten. Vom 25. Mai bis 12. August 2012 zeigt das Kunsthaus Zürich die erste Museumsausstellung von Adrian Zingg (1734-1816) in der Schweiz. Zingg gehört zu den bedeutendsten Vertretern der Landschaftsdarstellung zwischen europäischer Aufklärung und Dresdener Frühromantik. Er durchwanderte von Dresden aus Gegenden, die er in zahlreichen Ansichten erschloss und die seither als Sächsische und Böhmische Schweiz bekannt sind.

Mit grossformatigen Sepiablättern beeinflusste Zingg eine ganze Künstler-Generation bis hin zu Caspar David Friedrich. Seine Motivwahl und Landschaftsauffassung prägten die Souvenirproduktion des frühen Tourismus. Der in St. Gallen geborene Adrian Zingg erhielt seine Ausbildung bei Johann Rudolph Holzhalb in Zürich und bei Johann Ludwig Aberli in Bern. Nach einem siebenjährigen Aufenthalt bei Johann Georg Wille in Paris war er 50 Jahre lang in Dresden tätig. Dort, im Kupferstichkabinett, wie auch in der Albertina Wien, befinden sich die bedeutendsten Grafiken. Unter den in der Ausstellung versammelten 100 Werken sind Leihgaben aus der Staatlichen Kunstsammlung Dresden, der Albertina Wien, dem Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin, dem Kupferstichkabinett Basel und dem Kunstmuseum St. Gallen.

Die vom Konservator der Grafischen Sammlung, Bernhard von Waldkirch eingerichtete Ausstellung, führt den Besucher durch sechs Sektionen. Die erste umfasst biografische Zeugnisse, vor allem Bildnisse Adrian Zinggs in höfischer Gesellschaft und mit seinen Schülern in der Natur zeichnend, darunter das damals berühmte ganzfigurige Bildnis seines Freundes Anton Graff, der als Hofmaler in Dresden tätig war. Die zweite Sektion widmet sich der Ausbildung Zinggs in der Schweiz und in Paris. Die Entdeckung der Alpen prägten seine Lehrjahre in Bern. Danach kam Zingg in die Wille-Werkstatt nach Paris, die hohes internationales Ansehen genoss. Hier lernte er die französische Methode des Landschaftskupferstichs kennen, was den Anstoss für seine Berufung als Lehrer an die neu gegründete Dresdener Kunstakademie gab.

Am Beispiel von Hütten und Ruinen wird die prägende Wirkung von François Boucher, Jean-Baptiste Oudry und Hubert Robert gezeigt, deren Werke im Nachstich breit rezipiert wurden.
Die dritte Sektion ist Zinggs Dresdner Zeit gewidmet. Hier wirkte der Künstler nach seiner Übersiedlung von Paris im Jahr 1766 bis zu seinem Tod im Jahr 1816 als Akademielehrer wie auch als Leiter einer äusserst erfolgreichen Werkstatt. Zinggs «Studienblätter für Landschaftszeichner» geben Aufschluss über die Schülerausbildung, gleichzeitig dienten sie auch als Motivvorrat für die Vordergrundgestaltung seiner grossen Landschaftsansichten. Besonders beliebt waren die Exkursionen in die Umgebung von Dresden. Neben einigen berühmten Stadtansichten sind es vor allem die grossen Sepiablätter mit sächsischen Schlössern – offenbar ein Grossauftrag von Herzog Albert von Sachsen-Teschen – die das Kernstück dieser Abteilung bilden. Zum ersten Mal in einer Museumsausstellung wird Zingg als künstlerischer Entdecker dieser Landschaft gewürdigt.

Zingg machte die Region einem internationalen Kunst und Wissenschafts-Tourismus bekannt und etablierte einen Landschaftstypus, der durch die Gemälde von Caspar David Friedrich und Ludwig Richter in der Landschaftsmalerei kanonische Bedeutung erlangte.

Die Wirkung von Adrian Zingg als Lehrer und Werkstattleiter zeigen in der vierten und fünften Sektion ausgewählte Werke seiner Schüler: Carl August Richter, Johann Philipp Veith, der Winterthurer Johann Heinrich Troll sowie die Söhne seiner Künstlerfreunde, Johann Friedrich Ludwig Oeser aus Leipzig und Conrad Gessner aus Zürich. Zingg war ein kluger, erfolgreicher Geschäftsmann. Mit seiner von Aberli übernommenen und weiterentwickelten Methode der Umrissradierung, die meist in Braun laviert worden ist, hat er ein faksimileähnliches Verfahren geschaffen, das seine Sepiazeichnungen täuschend echt imitiert und diesen zugleich durch die Vervielfältigung eine weite Verbreitung sicherte.

Die sechste und letzte Sektion gibt einen Ausblick auf die Nachfolger Zinggs im 19. Jahrhundert. Einen Schwerpunkt bilden die Beziehungen zur romantischen Landschaftauffassung. Im Vergleich der Naturstudien und zweier Sepiablätter von Adrian Zingg und Caspar David Friedrich lassen sich unmittelbare Bezüge beobachten, die bisher noch nie in einer Ausstellung thematisiert worden sind. Auch Caspar David Friedrich liess seine Sepiablätter reproduzieren und gelegentlich farbig fassen. Durch die akademische Praxis verflachte jedoch die innovative Entdeckerfreude zur «Zinggschen Manier», die von den jungen Frühromantikern vehement abgelehnt wurde. Arbeiten von Ludwig Richter und frühe Prospekte für den aufkommenden Tourismus runden diesen Ausblick ab.

Mit dieser Ausstellung beschliesst das Kunsthaus Zürich die dreiteilige Reihe zur Erfindung und Popularisierung einer spezifisch bürgerlichen Landschaftsauffassung um 1800 in Zeichnung und Druckgrafik. Vorausgegangen waren 2010: «Idyllen in gesperrter Landschaft. Zeichnungen und Gouachen von Salomon Gessner (1730-1788)» und «Carl Wilhelm Kolbe (1759-1835). Riesenkräuter und Monsterbäume». Die Leistungen dieser Wegbereiter standen lange Zeit im Schatten des Goldenen Zeitalters der Landschaftsmalerei im 17. Jahrhundert südlich und nördlich der Alpen.


Öffnungszeiten: Sa/So/Di 10 – 18 Uhr, Mi bis Fr 10 – 20 Uhr, Montag geschlossen

Adrian Zingg. Wegbereiter der Romantik
25. Mai bis 12. August 2012

Kunsthaus Zürich
Heimplatz 1
CH - 8001 Zürich
T: 0041 (0)44 25384-84
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http://www.kunsthaus.ch

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