Dienstag, 22. März 2011

Ein Tausendsassa

Bruce Conner; Still aus 'Crossroads', 1976. © The Conner Family Trust, San Francisco, VBK, Wien, 2010

Zürich.- Zu pathetischer Musik jagen Indianer hinter einer Postkutsche her und balanciert ein Seiltänzer über einer Stadt – diese Bilder stammen aus dem Found-Footage-Montagemeisterwerk «A Movie» (1958), eine Assemblage aus Wochenschaubildern und Filmausschnitten, mit dem der amerikanische Künstler Bruce Conner (1933–2008) bekannt geworden ist. Er gilt heute als einer der Wegbereiter für den Musikclip und gehört mit seinen Experimentalfilmen neben Stan Brakhage, Jack Smith, Jonas Mekas und Andy Warhol zu den grossen Avantgardisten des US-Independentfilms. Ab April widmet ihm das Zürcher Museum Bärengasse eine Ausstellung.

Conners Werk ist geprägt von einer Vielfältigkeit, die sich auch in seinen multiplen Karrieren und mannigfachen Identitäten widerspiegelt. Zeichnungen, Collagen, Skulpturen, Assemblagen, Malerei, Druckgrafik, Fotografie und Film gehören ebenso zu seinem Oeuvre wie konzeptuelle, ephemere, zerstörte und verloren gegangene – «unsichtbare» – Arbeiten. Bruce Conner hinterfragte dabei auf kritische und humorvolle Weise Themen wie Identität, Biographie und Autorschaft und entzog sich stets künstlerischen, persönlichen und markttauglichen Kategorisierungen: 1967 kandidierte er als leitender Verwaltungsbeamter in San Francisco (Bruce Conner for Supervisor), ersetzte in einer Reihe seiner Arbeiten die Künstlersignatur durch einen Daumenabdruck, verfolgte die Frage «Wer ist Bruce Conner?», indem er seine Namensvetter in ganz Amerika aufspürte und 1964 einen Kongress plante – u.a. konzipierte und produzierte er hierfür die Buttons «I am Bruce Conner» und «I am not Bruce Conner» –, verwendete gar den Namen seines Freundes und Schauspielers Dennis Hopper als Pseudonym (The Dennis Hopper one man show) oder liess sich selbst im Nachschlagewerk «Who was Who in America» 1973 für tot erklären.

Bekannt geworden ist Conner in den 1950er Jahren mit Assemblagen aus Nylonstrümpfen, Möbelteilen und weiteren Fundstücken. Seine zeichnerischen und malerischen Arbeiten der späten 1960er Jahre sind vermehrt geprägt durch eine narrative Dichte und optische Überladung, die in den 1970er Jahren in einer lyrischen Formensprache kumulieren. Abstraktion äussert sich in Sinnbildern des Metaphysischen und des Transzendentalen. In seinen Tintenkleckszeichnungen, Mandalas, Bildern mit unzähligen weissen Punkten auf schwarzem Hintergrund, der Serie schwarzer Zeichnungen mit kräftigem Duktus und Gravur-Collagen treten Motive auf, die Repräsentationsmöglichkeiten des Numinosen oder des Unbewussten anbieten.

Seine «Inkblots» – das gefaltete Papier wird symmetrisch entlang vertikaler Faltgrate bekleckst – mögen an Rorschachtests erinnern, unterscheiden sich jedoch deutlich darin, dass Conner die Entstehung der Kleckse kontrolliert und so die Grenze zwischen Intention des Künstlers und Interpretation des Betrachters schwer auszumachen ist. Die Präsentation einer scheinbar endlosen Serie an Fragmenten unterstützt und verwehrt dabei gleichzeitig die Findung einer Narration. Die All-over-Struktur findet sich auch in seinen «Star»-Zeichnungen wieder. In diszipliniertem Duktus führt Conner den Malstift in unzähligen Kringeln über das weisse Papier, bis nur noch weisse Punkte wie Lichter aus einem rabenschwarzen Meer aus Tinte hervorscheinen.

Das Spiel von Hell und Dunkel ist auch ein wichtiger Bestandteil der Fotogramm-Serie der «Angels». Sie zeigen sich zunehmend auflösende Lichtfiguren, die durch den Schatten eines Körpers – meist Conners eigenem – auf lichtempfindlichem Papier entstehen und thematisieren die Dematerialisierung sowohl des Kunstwerkes als auch des identifizierbaren Körpers per se. Als weisse Figur vor schwarzem Hintergrund erscheint auch Toni Basil im Film «Breakaway» (1966). Nackt oder gekleidet in Outfits, die mit starken Kontrasten und wiederum mit Abstraktionen vom menschlichen Körper spielen, wird die Bewegung der Tänzerin von der Kamera mit wechselnden Nahaufnahmen und Totalen verfolgt. Durch die formalen Parameter wie Montagegeschwindigkeit, Beschleunigung und Verlangsamung der Bildfolge, die Bewegung Basils wie auch der Kamera und variierenden Überblendungen entsteht der Eindruck von Immaterialität und einem Tanz, befreit von einem identifizierbaren Körper.

Bruce Conners Filme stehen in engem Zusammenhang mit seinem übrigen Schaffen. Formale Strategien wie nicht-lineare Narrationsstränge, die Manipulation mit optischen Effekten, der Einsatz von Kontrasten wie Schwarz-Weiss, Hell-Dunkel und die Evokation von Bewegung sind seinen Arbeiten gemein.

Die Ausstellung präsentiert eine Auswahl filmischer Werke Conners, die neben «Breakaway» auch «Crossroads» (1976), basierend auf den Dokumentarfilmaufnahmen von nuklearen Testversuchen auf dem Bikini-Atoll, und «Marylin Times Five» (1968–1973), ein Softporno aus den 1940er Jahren, worin ein Monroe Look-Alike oben ohne zum «Song I’m Through with Love» mal mit einer Colaflasche, dann mit einem Apfel in der Hand mit der Kamera flirtet, umfasst. Zudem werden die ähnlich konzipierten und umgesetzten Filme «Take the 5:10 to Dreamland» (1977) und «Valse Triste» (1979) präsentiert, die beide, in leichtes Sepia getaucht, den Betrachter in eine Traumwelt entführen. Conner selbst sah seine Filme als «Erweiterungen der Musik» und realisierte für dem Punk nahe stehende Gruppen wie Devo oder das experimentelle Art-Funk-Projekt My Life in the Bush of Ghosts von Brian Eno und David Byrne Musikclips, die ebenfalls in der Ausstellung zu sehen sind.

Die Ausstellung «Bruce Conner» in der Kunsthalle Zürich entstand in Kooperation mit der Kunsthalle Wien, wo die von Barbara Steffen und Gerald Matt kuratierte Ausstellung «Bruce Conner. Die 70er Jahre» von 8. Oktober 2010 bis 30. Januar 2011 zu sehen war, und mit der von Gerald Matt kuratierten Ausstellung «I am Bruce Conner. I am not Bruce Conner.» in der Ursula Blickle Stiftung in Kraichtal. Die Ausstellung in der Kunsthalle Zürich wurde von Beatrix Ruf in Zusammenarbeit mit Rahel Blättler kuratiert. Die medienübergreifende Werkauswahl – es werden über 100 Arbeiten, darunter Zeichnungen, Gemälde in Öl und Acryl, Druckgrafik, Fotogramme und Fotografien sowie eine Auswahl seiner Filme präsentiert – beleuchtet die formal-ästhetischen Parallelen zwischen dem bildnerischen und dem filmischen Schaffen von Bruce Conner.

Begleitend zur Ausstellung in der Kunsthalle Zürich wird die Monographie Bruce Conner. Die 70er Jahre (Hrsg. Kunsthalle Wien, Ursula Blickle Stiftung, Gerald Matt, Barbara Steffen) um einen Text von Bruce Jenkins und ein Gespräch zwischen Michelle Silva und Beatrix Ruf erweitert. Texte: Gerald Matt, Barbara Steffen, Malcolm Turvey, Michelle Silva, Thomas Miessgang, Interviews mit Bruce Conner von Peter Boswell und mit Jean Conner von Gerald Matt.

Öffnungszeiten: Di, Mi, Fr 12 - 18 Uhr, Donnerstag 12 - 20 Uhr, Sa und So 11 - 17 Uhr, Montag geschlossen

Bruce Conner
2. April bis 29. Mai 2011
Eröffnung: Fr 1. April, 18 Uhr
Museum Bärengasse
Bärengasse 20-22
CH 8001 Zürich
Kunsthalle Zürich
Limmatstrasse 270
CH - 8005 Zürich
0041 (0)44 272 15 15
info@kunsthallezurich.ch
www.kunsthallezurich.ch

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