Mittwoch, 7. Dezember 2011


Pierre Bonnard, Le Café, 1915, Öl auf Leinwand, 73 x 106,4 cm Tate, Presented by Sir Michael Sadler through the Art Fund, 1941, © Tate, London 2011 / © 2011, ProLitteris, Zürich

Riehen.- Die Fondation Beyeler widmet Pierre Bonnard (1867-1947), einem der faszinierendsten französischen Künstler, die erste umfassende Retrospektive in der Schweiz seit einem Vierteljahrhundert. Über 60 Gemälde aus renommierten Museen und Privatsammlungen geben Einblick in alle seine Schaffensphasen. Sie richtet den Blick auf sein gesamtes Œuvre von den Anfängen im Kreise der Nabis über seine Arbeiten im Umkreis von Symbolismus und Impressionismus bis hin zu den immer farbiger und abstrakter werdenden Spätwerken. Die Gemälde zeigen bekannte Szenen von Badenden, Ansichten aus dem Garten des Künstlers, Alltagsdarstellungen sowie das bunte Treiben auf den Pariser Strassen. Ulf Küster, Kurator der Fondation Beyeler, hat die Ausstellung kuratiert.

Die Retrospektive Pierre Bonnard in der Fondation Beyeler steht in der Tradition des Hauses, Ausstellungen zu Sammlungskünstlern auszurichten. Ernst Beyeler hat mit Werken von Pierre Bonnard gehandelt und in seiner Galerie 1966 auch eine Bonnard-Ausstellung realisiert. Die Sammlung Beyeler besitzt mit Le Dessert (1940) ein spätes Stillleben des Künstlers.

Der in Fontenay aux Roses bei Paris geborene Bonnard malte meist in seinen Privathäusern und Pariser Atelierwohnungen. Ausgangspunkte seiner Malerei waren vor allem das Haus «Ma Roulotte» in Vernonnet in der Normandie (1912 bis 1939) und die Villa «Le Bosquet» in Le Cannet an der Côte d’Azur (1927 bis 1947) sowie die sie umgebenden Gärten. In diesem persönlichen Umfeld fand er die Konstellationen und Anregungen, die er für seine Farbkompositionen benötigte, sowie seine bevorzugten Sujets, denen er zeit seines Lebens treu blieb, deren Darstellung er aber auf unterschiedliche Weise variierte. Marthe, zunächst seine Geliebte und seit 1925 seine Ehefrau, war dabei das favorisierte Modell. Die Hochzeit beendete die Ménage à trois zwischen Bonnard, Marthe und Renée Monchaty – Modell, Muse und Geliebte des Malers seit 1918 –, die sich daraufhin das Leben nahm.

Bonnard pflegte jenseits aller «Ismen» zu Beginn des 20. Jahrhunderts seinen eigenen, der französischen Klassik verpflichteten Stil der «anderen Moderne», wobei er die Gegenständlichkeit nie infrage stellte. Konsequent sprengte er dabei die traditionellen Gattungsgrenzen und entwickelte sie weiter. Er schuf unkonventionelle Stillleben, in denen er lebende Menschen und Tiere miteinbezog. Die Landschaft mit der Schilderung «wilder Natur» steht in seinen Gemälden in einem Gegensatz zur bewegten Pariser Stadtlandschaft. Bei der Wiedergabe von Interieurs wechselte er zwischen der intimen Darstellung der Frau bei der Toilette und Ansichten des bürgerlichen Esszimmers.

Der Überschwang seiner manchmal geradezu glühenden Farben unterschied ihn schnell von den Impressionisten. In Abkehr von Letzteren, die den Augenblick einzufangen suchten, malte Bonnard im Atelier die Dauer und die Erinnerung der Dinge. Er gab in seinen Gemälden mithilfe von Farbkompositionen auf aussergewöhnliche Weise den Gesamteindruck eines Raumes wieder, wie er zwar vom menschlichen Auge, nicht aber von einer Fotolinse erfasst werden kann. Es ging ihm letztlich darum, sämtliche Sinneseindrücke durch Farbe darzustellen.

Galt Bonnard kurz nach seinem Tod Mitte des letzten Jahrhunderts noch als Vertreter einer oberflächlichen Harmonie und als «harmloser» Chronist eines grossbürgerlichen Alltags, so wird der Künstler heute, ausgehend von der 1984 im Centre Pompidou in Paris konzipierten Wanderausstellung (die auch im Zürcher Kunsthaus zu sehen war), als ein Maler aufgefasst, der die grosse Beunruhigung einer dem Verschwinden geweihten Gesellschaft auf die Leinwand bannte. Mittels subtiler künstlerischer Nuancen hinterfragte Bonnard die vordergründige Harmonie. Dies zeigt sich in Farbdissonanzen, räumlichen Verschränkungen und unklaren Verortungen oder einer unstimmigen Personenführung.

In der als «Maison immaginaire de Bonnard» konzipierten Ausstellung werden seine Gemälde gruppiert bestimmten Räumen zugeordnet, die seine bevorzugten Motive präsentieren: «La rue» «La salle à manger», «Intimité», «Le miroir», «Le passage entre intérieur et extérieur» und «Le grand jardin».

Den Auftakt der Ausstellung bildet der Saal «La rue». Bonnard malte vor allem in den frühen Jahren Strassenszenen mit Pariser Motiven. Wiederholt wählte er einen belebten Verkehrsknotenpunkt im Nordwesten von Paris, unweit seines Ateliers, wovon zwei beeindruckende Gemälde gleichen Titels – Place Clichy (1906/07 und 1912) – aus Privatbesitz und dem Musée national d’Art moderne, Centre Georges Pompidou, Paris, zeugen.

Im zweiten Saal werden atmosphärisch dichte Raumdarstellungen mit dem Motiv des «salle à manger» gezeigt. Gerade das Esszimmer bot Bonnard immer wieder die Möglichkeit, einen oft humorvollen Blick auf das bürgerliche Interieur zu werfen, wie etwa im bedeutenden Gemälde Le Café (1915) aus der Londoner Tate oder in La Nappe blanche (1925) aus dem Von der Heydt-Museum Wuppertal. Die Esszimmer-Stillleben kontrastieren mit den intimen Interieurs der Schlaf- und Badezimmer, die im Saal «Intimité» präsentiert werden.

Der Akt war eines der bevorzugten Motive Bonnards. Zu den Hauptwerken gehört hier L’Homme et la Femme (1900) aus dem Musée d’Orsay, Paris. Bonnard und seine Geliebte Marthe darstellend, markiert es einen ersten Wendepunkt im Œuvre des Künstlers, der in diesem frühen, in seiner Natürlichkeit modern wirkenden Gemälde die kühnen Vereinfachungen der «Nabi»-Zeit hinter sich lässt. Neben anderen Räumen des Hauses inspirierte Bonnard vor allem das Bad zu vielen Gemälden. Ab 1908 interessierte sich der Künstler immer mehr für das Sujet der Frau bei der Toilette. Als hervorragendes Beispiel ist aufgrund seiner dichten Raumstruktur das Gemälde Le Cabinet de toilette (1932) aus dem Museum of Modern Art, New York, zu nennen. Berühmt sind Bonnards Badewannenmotive. Die Ausstellung zeigt gleich fünf wichtige Gemälde dieser Gattung: das aus einer Privatsammlung stammende La Source (Nu dans la baignoire), 1917; Baignoire (Le Bain), 1925, aus der Tate; Nu à la baignoire (Sortie du bain), 1931, aus dem Musée national d’Art moderne, Centre Georges Pompidou, Paris; Nu dans le bain (Nu dans la baignoire), 1936–1938, aus dem Musée d’Art moderne de la Ville de Paris und La Grande Baignoire (Nu), 1937–1939, aus Privatbesitz.

Ein Bereich präsentiert ausschliesslich Bilder mit dem Motiv des Spiegels, das den gemalten Bildraum erweitert und infrage stellt. Hier finden sich neben Le Cabinet de toilette au canapé rose (Nu à contre-jour), 1908, aus den Brüsseler Musées royaux des Beaux-Arts de Belgique auch zwei vor dem Spiegel im Schlafzimmer des Künstlers angefertigte Selbstporträts: Autoportrait (Le Boxeur), 1931, aus dem Musée d’Orsay und Portrait de l’artiste dans la glace du cabinet de toilette (Autoportrait), 1939–1945, aus dem Musée national d’Art moderne, Centre Georges Pompidou, Paris.

Ein weiterer Saal widmet sich der wichtigen Beziehung zwischen Innen- und Aussenraum in Bonnards Werk. Fenster haben Bonnard zeit seines Lebens beschäftigt. Der Blick durch das Fenster ist immer als solcher zu erkennen, indem die Aussenwelt entschieden aus der Innenperspektive wahrgenommen wird. Die Umgebung wird so der dargestellten Innenwelt einverleibt. In besonderer Weise zeigen dies Fenêtre ouverte sur la Seine (Vernon), 1911/12, aus dem du Musée des Beaux-Arts de Nice und Grande salle à manger sur le jardin, 1934/35, aus dem Solomon R. Guggenheim Museum, New York.

Die Ausstellung präsentiert zudem eine grössere Anzahl von Gartenbildern aus allen Schaffensphasen des Künstlers. Die Natur avancierte seit der Jahrhundertwende zu einem zentralen Motiv in Bonnards Bildwelten. Für den Maler bildet sich im Garten eine Ordnung ab, in der sich das menschliche Verhältnis zur Natur insgesamt widerspiegelt. Im frühen Werk La Partie de croquet, 1892, aus dem Musée d’Orsay ist die Landschaft noch Folie einer ornamentalen Harmonie. In seinen späteren Naturdarstellungen verschränkt Bonnard die Landschaft mit dem Garten und seinem Haus, wie es die bekannten Gemälde Le Jardin sauvage (La Grande Terrasse), 1918, aus der Phillips Collection, Washington, oder Décor à Vernon (La Terrasse à Vernon), 1920/1939, aus dem Metropolitan Museum of Art, New York, zeigen.

Hauptleihgeber ist das Musée d’Orsay, Paris, mit vier bedeutenden Werken: Neben den bereits erwähnten La Partie de croquet, Autoportrait (Le Boxeur) und L’Homme et la Femme ist es mit La Symphonie pastorale (Campagne), 1916–1920, vertreten. Weitere herausragende Leihgaben stammen aus der Tate, London, dem Musée national d’Art moderne, Centre Georges Pompidou, Paris ,dem Musée d’Art moderne de la Ville de Paris, dem Museum of Modern Art, New York, dem Solomon R. Guggenheim Museum, New York, dem Metropolitan Museum, New York, der Phillips Collection, Washington, dem Kunstmuseum Basel, dem Kunsthaus Zürich und aus namhaften Privatsammlungen, darunter nicht zuletzt der Hahnloser-Erben.

Der Katalog erscheint in Deutsch und Englisch im Hatje Cantz Verlag, Ostfildern. Er enthält Essays von Evelyn Benesch, Andreas Beyer, Marina Ferretti Bocquillon, Michiko Kono, Ulf Küster, Beate Söntgen und eine Biografie von Fiona Hesse. ca. 176 Seiten, ca. 120 Abbildungen, CHF 68, ISBN 978-3-905632-94-1 (Deutsch); ISBN 978-3-905632-95-8 (Englisch).

Öffnungszeiten der Fondation Beyeler: täglich 10.00–18.00 Uhr, mittwochs bis 20.00 Uhr

«Pierre Bonnard»
29.1. - 13.5.2012

Fondation Beyeler,
Beyeler Museum AG,
Baselstrasse 77,
CH-4125 Riehen
Tel. +41 - (0)61 - 645 97 00
info@fondationbeyeler.ch
www.fondationbeyeler.ch

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