Dienstag, 10. August 2010

Konkretes

Jeppe Hein (*1974); 'Extended Neon Cube', 2005. Neon-Skulptur, 100 x 100 x 100 cm. Sammlung Haus Konstruktiv, Zürich

Zürich.- Mit zahlreichen wichtigen Werken aus der hauseigenen Sammlung, hochkarätigen Leihgaben und spannenden Einzelpräsentationen von historisch relevanten wie auch jungen Künstlerpositionen entzündet das Museum Haus Konstruktiv in zwei Folgen und verschiedenen Kapiteln ein Feuerwerk ganz konkreter Ansätze! «Ganz konkret» - heißt denn auch die Ausstellungsreihe in zwei Folgen zur 100-jährigen Entwicklung der konstruktiven, konkreten und konzeptuellen Kunst und ihren Auswirkungen auf die Gegenwart.

Reduktion ist wieder angesagt: ZERO erfährt international ein grosses Revival, wichtige Op Art-Künstler werden wiederentdeckt, junge Galerien mit einem zeitgenössischen Programm zeigen massgebende Konzeptkünstler der 1960er und 70er Jahre. Und viele junge Künstlerinnen und Künstler beschäftigen sich mit reduktionistisch geprägten Fragestellungen, so dass wir bereits von einer neuen Generation der «Neo-Konzeptuellen» sprechen können. Kurz: Konstruktive, konkrete und konzeptuelle Themen sind wieder ganz vorne und absolut zeitgemäss.

Das Museum Haus Konstruktiv – aus der Zürcher Geschichte der konkreten Kunst hervorgegangen – beschäftigt sich seit einigen Jahren mit genau diesem generationenübergreifenden Dialog zwischen künstlerischen Positionen der Vergangenheit und ihrer Weiterführung in der Gegenwart. Kunstgeschichte entwickelt sich einerseits auf einer fortlaufenden Zeitachse und bringt einen andererseits immer wieder zum Staunen, wenn genau diese Zeitachse auch ausser Kraft gesetzt wird: Arbeiten der frühen Konkreten oder der ersten Konzeptkünstler sehen heute frischer aus denn je, und die Künstlerinnen und Künstler der Enkelgeneration zeigen einen bewundernden und gleichzeitig selbstbewussten Umgang mit diesem Erbe. Woran liegt das? Dieser Frage möchten Haus Konstruktiv im Ausstellungsprojekt «Ganz konkret» nachgehen.

Das Museum Haus Konstruktiv begibt sich auf eine Spurensuche nach den Anfängen, den Erscheinungsformen und den Entwicklungslinien reduktionistischer Ansätze und entwirft eine Auslegeordnung, in der auf vier Stockwerken über 100 Jahre Kunstgeschichte aufleben. Das Credo lautet, dass die Klarheit und Sinnlichkeit der reduktionistischen Kunst einen reichen Fundus an zeitlosen Ideen bereithält, deren Durchleuchtung stets neue, faszinierende Erkenntnisse hervorbringt. Ausgehend von den Themen der hauseigenen Sammlung, deren Umfang sich in den letzten sechs Jahren fast verdoppelt hat, wurde das umfassende Ausstellungsprojekt «Ganz konkret» entwickelt: Mit zahlreichen wichtigen Werken aus der Sammlung, hochkarätigen Leihgaben und spannenden Einzelpräsentationen von sowohl historisch relevanten wie auch jungen Künstlerpositionen entsteht in zwei Folgen und verschiedenen Kapiteln ein wahres Feuerwerk ganz konkreter Ansätze!

Wann hat es begonnen? – Mögliche Zeitachsen der konstruktiven und konkreten Kunst Russland gilt als die Wiege des Konstruktivismus. Wladimir Tatlin, Kasimir Malewitsch, El Lissitzky, Ljubow Popowa oder auch Naum Gabo zählen zu den Pionieren der russischen Avantgarde. 1915 schreibt Malewitsch das Manifest «Vom Kubismus zum Suprematismus». 1930 verfasst der niederländische Künstler und Theoretiker Theo van Doesburg gemeinsam mit seinen Künstlerkollegen Otto Gustav Carlsund, Jean Hélion, Léon Tutundjian und Marcel Wantz das Manifest «Die Grundlage der konkreten Malerei».

Folgt man Max Bill, so setzt die Entwicklung der konkreten Kunst im Jahre 1910 mit einem Aquarell von Wassily Kandinsky ein, das den Beginn einer neuen autonomen Gestaltung mit Farben und Formen markiert. Kandinsky selbst hat es nachträglich als «première oeuvre concrète» bezeichnet. 1960 präsentierte Max Bill dieses Werk in seiner mittlerweile legendären Ausstellung «Konkrete Kunst – 50 Jahre Entwicklung» im Helmhaus Zürich. Nach Bills Zeitrechnung würden wir also in diesem Jahr das 100-jährige Jubiläum der konkreten Kunst feiern. Nach Richard Paul Lohse hingegen sind die Anfänge der konkreten Kunst bereits um das Jahr 1900 auszumachen, nämlich in den geometrisch angelegten Pastellen von Augusto Giacometti. Und nicht zu vergessen: Schon im 18. und 19. Jahrhundert findet sich in manch einem Gemälde ein konstruktivistisch geprägtes Bildverständnis.

Das Ausstellungsprojekt «Ganz konkret» will keinen Expertenstreit dokumentieren, sondern öffnet das Zeitfenster und zieht das Publikum in die spannende Historie der konkreten Kunst hinein, deren Beginn sich vielleicht nicht ausschliesslich an einem Werk festmachen lässt, deren Innovationskraft jedoch seit dem frühen 20. Jahrhundert wegweisend weiterwirkt. Die Ausstellung «Ganz Konkret» ist in zwei Folgen mit verschiedenen Kapiteln (Einzel- und Gruppenausstellungen) gegliedert, einzig die grosse Halle im Erdgeschoss bleibt für die Dauer von fünf Monaten unverändert, bildet sozusagen das Fundament der Präsentation.

Ganz Konkret
27. August 2010 bis 30. Januar 2011
Vernissage Folge 1: 26. August 10, 18 Uhr
Vernissage Folge 2: 10.November 10, 18 Uhr
Haus Konstruktiv
Selnaustrasse 25
CH - 8001 Zürich
0041 (0)44 21770-80
info@hauskonstruktiv.ch
http://www.hauskonstruktiv.ch

Öffnungszeiten: Di, Do und Fr 12 - 18 Uhr, Mittwoch 12 - 20 Uhr, Sa und So 11 - 18 Uhr

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