Donnerstag, 27. Dezember 2012

Chinesische Pretiosen

Drei Fussbecher mit hauchdünner Wandung; China, Provinz Shandong, Longshan-Kultur, 2. Hälfte 3. Jt. v. Chr.. Tonware, H. ca. 17 cm; Dauerleihgabe Meiyintang Stiftung; © Foto: Rainer Wolfsberger
Zürich.- Nach einem sechsmonatigen Umbau wird am 11. Januar 2013 die China-Abteilung des Museums Rietberg wiedereröffnet. In den neugestalteten, glanzvollen Ausstellungsräumen präsentiert das Museum über 600 Objekte aus der weltberühmten Meiyintang Collection. Die Keramikobjekte dieser Sammlung bereichern und ergänzen hervorragend die bisherigen Bestände des Museums, das nun einen einzigartigen Überblick über die Entwicklung der chinesischen Kunst, vom Neolithikum (5. Jahrtausend v.Chr.) bis ins 18. Jahrhundert, bietet.

Unter dem Namen Meiyintang, «Halle der Rosenbeete», haben die Brüder Gilbert und Stephen Zuellig in über fünf Jahrzehnten eine der weltweit bedeutendsten Privatsammlungen chinesischer Keramik zusammengetragen. Durch ihr Leben und ihre Geschäftstätigkeit im Fernen Osten wurde eine vielfältige Leidenschaft für asiatische Kunst und Kultur geweckt. Um 1960 begannen die Brüder systematisch eine Sammlung chinesischer Kunst aufzubauen. Gilbert Zuellig spezialisierte sich auf frühe Keramikobjekte vom Neolithikum über die Han- und Tang-Dynastien bis zur Song-Dynastie (5. Jahrtausend v.Chr. bis 1279), während Stephen Zuellig Porzellane der späteren Dynastien (Yuan, Ming und Qing) sammelte.

1994 stellte das British Museum in London erstmals Meisterwerke aus der Meiyintang Collection der Öffentlichkeit vor. Es folgten Ausstellungen in New York (1995 und 2000), in Monte Carlo (1996), in Paris (1999) und in Sarran bei Limoges (2009). Internationale Bekanntheit in Fachkreisen erlangte der Begriff Meiyintang durch die ab 1994 in London in mehreren Bänden erschienenen Sammlungskataloge. Regina Krahl, eine führende Autorität im Fachgebiet für China-Keramik, hat darin sämtliche Objekte wissenschaftlich erfasst und beschrieben. Krahls Bände zur Meiyintang Collection gelten sowohl im Westen wie auch in China und Japan als Referenzwerk.

Es ist sowohl für Kenner und Liebhaberinnen der chinesischen Keramik wie auch für das weitere Publikum ein Glücksfall, dass der in eine Stiftung überführte frühere Teil der Sammlung nun öffentlich zugänglich gemacht wird. Die Meiyintang Stiftung und die Familie von Gilbert Zuellig (1918–2009) haben sich dafür eingesetzt, dessen herausragende Sammlung in seiner Gesamtheit langfristig zu erhalten und als Dauerleihgabe dem Museum Rietberg zu überlassen. Zusätzlich erklärte sich die Stiftung bereit, sämtliche Kosten für die Neueinrichtung der China-Sammlungsräume des Museums zu übernehmen.

Die bestehenden Räume im Erweiterungsbau wurden während sechs Monaten komplett umgebaut und neu eingerichtet. Für die Präsentation der Keramiken in raumhohen Vitrinen wurde ein neuartiges Ausstellungskonzept mit LED-Leuchttablaren entwickelt, dank welchen die vielfältigen Formen und Glasuren der Keramiken optimal zur Geltung kommen.

Ab 11. Januar 2013 werden über 600 Werke der Meiyintang Collection zusammen mit den Sammlungsbeständen des Museums präsentiert, und über die nächsten anderthalb Jahre sollen zahlreiche weitere Meiyintang-Objekte dazu kommen, die in Zukunft im Schaudepot des Museums ausgestellt werden. Dank dieser neuen Dauerleihgabe, verbunden mit den bestehenden Sammlungen von Eduard von der Heydt und Charles A. Drenowatz (chinesische Malerei) sowie der ebenfalls als Dauerleihgabe im Museum verbleibenden Sammlung von Alice und Pierre Uldry (chinesisches Cloisonné sowie Gold und Silber) darf sich das Museum Rietberg von nun an zu den führenden Museen für chinesische Kunst zählen.

Im Westen erlangte chinesische Keramik derartige Berühmtheit, dass das Wort china im Englischen zum Synonym für Porzellangeschirr wurde. Und tatsächlich gilt Keramik als eine der wichtigsten Kunstformen Chinas. Vom 5. Jahrtausend v.Chr. bis in die Neuzeit bewiesen chinesische Töpfer immer wieder Einfallsreichtum in der Entwicklung neuer Techniken, Formen und Gestaltungsmöglichkeiten. Genial konzipierte und meisterhaft gearbeitete Keramikobjekte verliehen ihrem Besitzer schon in frühester Zeit grosses Prestige, und aussergewöhnliche Stücke wurden als Kleinodien allerersten Rangs auch am Kaiserhof geschätzt.

Die Töpfer des Neolithikums bauten ihre Töpfe, Schalen und Kannen aus Tonwülsten auf und klopften sie dann so lange mit einem flachen Holz, bis die Formgebung harmonisch und perfekt war. Den Dekor bildeten eingepresste Muster und bald auch Bemalung in Schwarz, Rot und Weiss. Die linearen Muster aus Parallellinien, gepaart mit geometrischen Formen und auch abstrakten figürlichen Darstellungen, verleihen den Gefässen ihre Lebendigkeit. Im 3. Jahrtausend v.Chr. führte die Entwicklung der schnell drehenden Töpferscheibe zu neuen, anspruchsvolleren Gefässtypen. So sind z.B. die schwarzen Kelche aus der Dawenkou- oder Longshan-Kultur (3. Jahrtausend v.Chr.) mit ihrer hauchdünnen Wandung und hohem, zum Teil durchbrochen gearbeitetem Fuss von einer einzigartigen, fast modern anmutenden Eleganz.

Mit der Verbreitung der Bronzegusstechnik im 12. Jahrhundert v.Chr. verlor die Keramik zwar ihren beherrschenden Stellenwert, die Töpfer blieben jedoch weiter innovativ. Sie fertigten einerseits die Modeln für die aufwändigen Bronzegefässe und versuchten andererseits diese in Keramik nachzuahmen. Dabei entwickelten sie das erste Protoporzellan, ein Scherben aus hochgebranntem, kaolinhaltigem Ton.

In der Han-Dynastie (206 v.Chr.–220 n.Chr.) begann die Tradition, Gräber wie unterirdische Wohnorte auszustatten. Den Toten wurden nicht nur Speisen und Getränke in edlen Gefässen mit ins Grab gegeben, sondern auch kleine Modelle aller erdenklichen Dinge für das Leben nach dem Tod. So fertigten die Töpfer u.a. Küchenherde und Ziehbrunnen, Wachtürme, Getreidespeicher und Häuser, ja sogar Schaf- und Schweineställe (inklusive Plumpsklo), dazu Figuren von Pferden, Hunden und anderen Haustieren sowie von Dienerschaft und Unterhaltungskünstlern. Während diese Grabbeigaben zunächst meist kalt bemalt wurden, wählte man später vermehrt dunkelgrüne Bleiglasuren, die durch Bodenlagerung heute manchmal irisierend schimmern. Die Dekors zeigen oft mythische Wesen, die auf die magische Welt des Jenseits verweisen.

In der Tang-Zeit (618–907) wurde die Grabausstattung immer luxuriöser. Die Töpfer entwickelten farbenfrohe Bleiglasuren in Weiss, in kräftigem Grün, in warmem Gelb-Braun und in Tiefblau. Über eine weisse Engobe aufgetragen, entfalten diese Glasuren eine äusserst attraktive Leuchtkraft. Auch die Formen- und Figurenvielfalt erreicht in der Tang-Zeit ihren Höhepunkt. Einflüsse der sassanidischen Silberschmiedekunst wurden in Keramik umgesetzt, und neben schönen Frauen und Pferden wurden auch Kamele und ihre fremdländischen Treiber, Elefanten, Löwen und andere exotische Wesen dargestellt. Als die Ausgaben für die Gräber ins Unermessliche stiegen, sah sich die Regierung gezwungen, die Tradition der Grabbeigaben rigide einzuschränken.

Die Keramikmanufakturen und Brennöfen reagierten schnell auf die neue Situation und den sich verändernden Geschmack. Mit dem Beginn der Song-Zeit (960–1279) fand eine Rückbesinnung auf das alte Ideal des tugendhaften Gelehrten statt. In der Keramikkunst wurden schlichte Eleganz und vornehme Zurückhaltung zu den höchsten Qualitätsmerkmalen. Die verschiedenen Keramikzentren spezialisierten sich nun auf einen bestimmten Typ und entwickelten diesen bis zur höchsten Perfektion. So sind die Öfen von Dingzhou in Nordchina bekannt für ihre elfenbeinfarbige Ware, andere Manufakturen spezialisierten sich auf grünliche Ware, die im Westen Seladon genannt wurde.

Viele Öfen produzierten auch schwarz-braune Waren. Der Dekor ist meist auf eingeritzte oder geschnittene Muster beschränkt, die erst durch die verschiedene Dicke der Glasur zur Geltung kommen. Objekte der Song-Zeit bestechen vor allem durch ihre elegante Form und die Subtilität ihrer Farbe. Kein Wunder, dass die schönsten Stücke von Dichtern besungen und von Connaisseuren beschrieben wurden. Sie wurden seit ihrer Entstehungszeit von chinesischen Gelehrten und Kunstliebhabern als Ausdruck höchsten Geschmacks geschätzt und für grosse Summen gehandelt. Die Keramik der Song-Zeit gilt als ein Höhepunkt der Töpferkunst, nicht nur in China, sondern weltweit. Immer wieder in der Geschichte Chinas wurde sie kopiert und nachgeahmt, und bis heute übt sie auf Töpfer besonderen Einfluss und Faszination aus.

Zu den seltensten Schätzen der Meiyintang Collection, die nun in Zürich dem Publikum zugänglich gemacht werden, gehören die eleganten Kelche aus schwarzer «Eierschalen-Keramik» aus dem 3. Jahrtausend v.Chr., drei Figuren anmutiger Tänzerinnen aus der Westlichen Han-Dynastie (1.–2. Jh.), eine einzigartige Selektion von Yue-Ware aus den Wu- und Jin-Dynastien (3. Jh.), ein weiss glasiertes Figurenpaar strammer Wächter aus der Sui-Dynastie (6. Jh.), eine reiche Auswahl an Gefässen und Figuren in farbenfroher Sancai-Glasur aus der Tang-Dynastie (7.–9. Jh.), eine kostbare Ru-Schale aus dem 11. Jahrhundert, Song-Keramik höchster Qualität aus allen wichtigen Ofenzentren und eine eindrückliche Reihe violett-blau glasierter Meisterstücke aus den Jun-Öfen der Jin-Dynastie (12. Jh.).

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 – 17 Uhr, Mittwoch und Donnerstag 10 – 20 Uhr, Montag geschlossen

Meiyintang im Museum Rietberg
Weltbedeutende chinesische Keramik
Ab 11. Januar 2013

Museum Rietberg
Gablerstrasse 15
CH - 8002 Zürich
T: 0041 (0)44 206 31 31
F: 0041 (0)44 206 31 32
E: museum.rietberg@zuerich.ch
W: http://www.rietberg.ch

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