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| Tom Wesselmann: Smoker Banner, 1971. Privatsammlung / Siegen; © VG Bild-Kunst, Bonn 2012 |
Weil am Rhein.- Ein
zentrales Merkmal der Pop-Art war der Dialog von Design und Kunst. Und diesem Thema widmet das Vitra Design Museum Weil am Rhein mit der Ausstellung «Pop Art Design» ab 13. Oktober erstmals eine umfassende Ausstellung. Die Pop-Art gilt als bedeutendste künstlerische Strömung seit 1945.
Sie nahm den von Starkult, Warenfetisch und medialer Reproduktion
durchdrungenen Alltag der Nachkriegszeit in den Blick und prägt das
kulturelle Selbstverständnis unserer Gesellschaft bis heute.
Dabei werden Werke von Künstlern wie Andy Warhol, Claes Oldenburg,
Roy Lichtenstein oder Judy Chicago Designobjekten von Charles Eames,
George Nelson, Achille Castiglioni oder Ettore Sottsass
gegenübergestellt. Ergänzt wird die Ausstellung um eine Vielzahl
weiterer Exponate wie Plattencover, Magazine, Filme und Aufnahmen
zeitgenössischer Interieurs. Fünfzig Jahre nach der offiziellen
Deklaration der Pop-Art in einer Konferenz des New Yorker Museum of
Modern Art zeichnet die Ausstellung «Pop Art Design» ein neues Bild der
Pop-Art – eines, in dem das Design erstmals eine zentrale Rolle spielt.
Die Ausstellung beginnt mit einem Prolog, der verdeutlicht, wie sich
viele Gestaltungselemente der Pop-Art schon lange zuvor herausbildeten.
So vertraten Designer wie Raymond Loewy in den USA bereits seit den
1930er Jahren eine neue, kommerziellere Auffassung von Design, die
Werbung und Bildhaftigkeit zentrale Bedeutung einräumte. Zugleich
entwickelte das Design als neue Disziplin eine Autonomie und Freiheit,
die es zum Katalysator neuer künstlerischer Ideen machte. Dies zeigte
sich in den USA an den Möbeln von Charles und Ray Eames oder George
Nelson, die zunehmend wie Skulpturen konzipiert waren, oder an der
Arbeit Alexander Girards, der sich für Textilentwürfe und Interieurs an
Populärkulturen orientierte. In Europa wiederum warb die Firma Olivetti
schon zu Beginn der 1950er Jahre mit Plakaten im Stile der Pop-Ära,
während der italienische Designer Achille Castiglioni, seinerseits
inspiriert von Marcel Duchamp, Möbel aus industriellen Ready-Mades
entwickelte. Umgekehrt waren in der Bildenden Kunst die Vorläufer der
Pop-Art eng mit dem Design verflochten.
So begannen in den 1950er Jahren viele spätere Pop-Art Künstler ihre
Laufbahn im Design, etwa Andy Warhol als Modeillustrator und Robert
Rauschenberg als Schaufensterdekorateur. In Großbritannien entstanden
Bewegungen wie die der Situationisten, die nach neuen Verbindungen
zwischen Kunst, Architektur und Design suchten und diese Disziplinen in
radikalen Ausstellungen wie «This is Tomorrow» (1956) auf völlig neue
Weise miteinander verschmolzen. Zu den zentralen Figuren dieser Bewegung
zählten Eduardo Paolozzi und Richard Hamilton, dessen Collage «Just
what is it that makes today’s home so different, so appealing» (1956)
als Schlüsselwerk für die Entstehung der Pop-Art angesehen wird – es
vereint auf programmatische Weise eine Reihe von Alltagsobjekten in
einem Wohnungsinterieur mit einer neuen, plakativen Bildsprache.
Aus diesem Nährboden entstand Ende der 1950er Jahre jene
künstlerische Bewegung, die von dem prominenten Kritiker Lawrence
Alloway zu Beginn der 1960er Jahre «Pop-Art» getauft wurde. Die bisher
eher losen Wechselwirkungen beider Disziplinen gewann nun eine
Intensität, die bis heute ohne Beispiel ist. Diesem Phänomen ist der
Hauptteil der Ausstellung gewidmet. Er besteht aus einer Folge von
Werkgruppen, in denen die gemeinsamen Motive und Strategien von Kunst
und Design verfolgt werden können: Designer arbeiten mit künstlerischen
Strategien wie Zitat, Collage und Ironie, Künstler bedienen sich
anonymer, industrieller Herstellungsverfahren, Gebrauchsgegenstände
werden zu Kunstmotiven, aber auch neue Materialien wie Kunststoffe oder
Latex ermöglichen eine Ikonik, die der Alltags- und Populärkultur
entnommen ist.
Hier macht die Ausstellung deutlich, dass die Pop-Art alles andere
als ein homogenes Phänomen war, sondern dass sie eine Vielzahl
unterschiedlicher Positionen zusammenfasste. So entdeckten Künstler wie
Jasper Johns und Ed Ruscha eine neue Wirklichkeit vor allem in der Flut
von Künstlichkeit und Oberflächlichkeit der medialen Klischees, der
Franzose Raymond Hains oder der Amerikaner Claes Oldenburg arbeiteten
mit dem Vertauschen von Proportionen und Dimensionen – Methoden, die in
Entwürfen von Gaetano Pesce oder Studio 65 später weiter verfolgt
wurden. Die Künstler Robert Indiana oder Judy Chicago wiederum suchten
nach Anregungen in der Volkskunst, ähnlich wie zuvor die Designer
Alexander Girard und Ettore Sottsass. Andere Tendenzen bewegten sich in
der Nähe der Hard-Edge-Malerei, etwa die Werke von Alan d’Arcangelo oder
Richard Artschwager, die eine erstaunliche Nähe zu Objekten wie
Sottsass‘ Superbox-Schränken (1965-69) offenbaren.
Doch nicht nur die Motive, auch die Strategien der Präsentation und
Vermarktung von Künstlern und Designern näherten sich einander an.
Drängten Designer mit ihren Werken zunehmend in Museen, so provozierten
Künstler durch Ausstellungen in Warenhäusern, etwa Claes Oldenburg und
Andy Warhol in New York oder der junge Gerhard Richter in Düsseldorf. Um
die Alltagsnähe der neuen ObjekVitrate und Kunstwerke zu erproben,
wurden die Interieurs von Pop begeisterten Sammlern und Gestaltern zu
Laboren des zukünftigen Wohnens, wie in der Ausstellung Fotografien des
Apartments von Gunther Sachs sowie von amerikanischen Sammlern belegen.
Zugleich fanden sich nun fast alle Themen, die die Massen bewegten, in
Kunst und Design wieder: Die sexualisierte Stimmung der Zeit spiegelte
sich in Ikonen wie Andy Warhols «Marilyn» (1967) und im Sofa «Bocca» von
Studio 65 (1970), die politischen Konflikte in deren Sofa «Leonardo»
(1969) und Warhols «Mao»-Serie (1972), die Begeisterung für
Plastikwelten und «Space Age» zeigte sich von der Tupperware-Dose über
die aeronautisch geformte Telefonzellen bis hin zu den aufgeblähten
Environments von Quasar in Paris.
Mit ihrer pointierten Gegenüberstellung von Exponaten aus Kunst und
Design bietet die Ausstellung nicht nur ein faszinierendes Panorama
einer Epoche, sondern auch neue Erkenntnisse für beide Disziplinen. So
zeigt sie, dass das Design für die Pop-Art ein ebenbürtiger
Dialogpartner, teilweise sogar Impulsgeber war. Zugleich macht sie
deutlich, dass viele Alltagsobjekte und das Radical Design der 1960er
Jahre ernstzunehmende Facetten der Pop-Bewegung waren. Statt lediglich
den Zeitgeist einer Epoche zu feiern, geht es der Ausstellung um einen
detaillierteren Blick auf das Phänomen Pop: um die Migration von Motiven
zwischen Kunst und Design, um das Verhältnis von Alltagsobjekt und
Abbild, und nicht zuletzt darum, wie die Eroberung unseres Alltags durch
die bis heute dominierende Popkultur begonnen hat.
Dieser Blick ist
deshalb zeitgemäß, weil er nicht zuletzt nach dem Verhältnis der Pop-Art
zu unserem eigenen Alltag und einer bis heute präsenten Konsumkultur
fragt. Auch wenn viele Vertreter der Pop-Art ihre Haltung hierzu bewusst
im Unklaren ließen, so gehört es zu ihren historischen Verdiensten,
dass sie diese Fragen stets aufs Neue ins Bewusstsein rufen.
Für die Entfaltung dieses Ausstellungskonzepts kann die Ausstellung
auf Exponate zurückgreifen, die in dieser Qualität und Dichte bislang
selten zu sehen waren. Insgesamt vereint sie ca. 140 Werke, zur Hälfte
Kunstwerke und zur Hälfte Designobjekte, ergänzt um zahlreiche
Fotografien, Dokumente, Filme und Texte. Zu den Höhepunkten der
Ausstellung gehören ein früher, von Warhol gestalteter Paravent (1958),
ein «Target Painting» von Jasper Johns (1957), das seit seiner
Entstehung so gut wie nie ausgestellte Sofa «Leonardo», Roy
Lichtensteins großer «Yellow Brushstroke» (1965), James Rosenquists «I
Love You with My Ford» (1961), die monumentale Leuchte «Moloch» von
Gaetano Pesce (1970-71) oder Allen Jones‘ Sessel «Chair» (1969).
Ein Großteil der Designobjekte in der Ausstellung stammt aus den
Sammlungen des Vitra Design Museums, dessen Kurator Mathias
Schwartz-Clauss die Ausstellung konzipiert hat. Viele der Kunstwerke
kommen aus den Sammlungen des Louisiana Museum of Modern Art in Dänemark
und des Moderna Museet in Schweden. Beide Museen sind
Koproduktionspartner der Ausstellung und werden «Pop Art Design» im
Anschluss an die Erstpräsentation im Vitra Design Museum auch bei sich
zeigen. Beide Häuser wurden 1958 gegründet und sind eng mit der
Geschichte der Pop-Art verflochten, entstanden sie doch in einer Zeit,
in der die Popularisierung von Kunst auch den Museumssektor maßgeblich
zu prägen begann. Der legendäre Gründer des Moderna Museet, Pontus
Hultén, widmete bereits 1962 vier amerikanischen Vertretern der Pop-Art
eine große Ausstellung und organisierte 1968 die erste große
Retrospektive über Andy Warhol in Europa.
Zur Ausstellung erscheint der Katalog: «Pop Art Design», 272-seitig, mit
über 325 Abbildungen und Beiträgen namhafter Autoren, darunter Thomas
Kellein, Marco Livingstone, Steven Heller, Diedrich Diederichsen,
Brigitte Felderer und Mathias Schwartz-Clauss. Deutsche Ausgabe: ISBN
978-3-931936-95-2, Art.-Nr. 200 808 01; Englische Ausgabe: ISBN
978-3-931936-96-9, Art.-Nr. 200 808 02. Preis EUR 69,90
Öffnungszeiten: täglich 10 - 18 Uhr
Pop Art Design
13. Oktober 2012 bis 03. Februar 2013
Eröffnung: Fr 12. Oktober 2012, 19 Uhr
Vitra Design Museum
Charles Eames-Strasse 1
79576 Weil am Rhein
0049 (0)7621 7023-200
info-weil@design-museum.de
http://www.design-museum.de